5 Tipps die zwangsläufige Unterlegenheit von Online-Trainings und –Workshops zu untermauern

5 Tipps die zwangsläufige Unterlegenheit von Online-Trainings und –Workshops zu untermauern

Originalfoto: Ryan McGuire on gratisography.com

 Einer muss es tun, jetzt wo alle plötzlich auf dem digitalen Trip sind. Einer muss diejenigen unterstützen, die ihre sorgfältig aufgebaute und lang gepflegte Haltung zu bewahren suchen. Denn eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: digitale Live-Workshops und –Trainings sind Müll. Aber irgend so ein dahergelaufener und selbsternannter Experte wie ich kann viel behaupten. Am besten überzeugen sie sich selbst. Meine 5 Tipps haben das Ziel, Ihnen die Erfahrungen zu verschaffen, die Sie in Ihrer Überzeugung bestärken.

1.     Lesen Sie drei der zahllosen „5 Tipps für dein Online-Seminar“-Artikel.

In einem ersten Schritt empfehle ich die Lektüre von mindestens drei der inzwischen zahllosen Artikel mit den vorzugsweise ungeraden Zahlen in der Überschrift. Ich habe von 3 bis 33 so ziemlich alles gefunden.

Im Einzelnen wissen Sie sicher den Hinweis zu schätzen, es lohne sich, die Anzahl der Moderatoren im Vorfeld festzulegen. In meinen Augen stach vor allem ein Ratschlag hervor: die Idee, pünktlich zu beginnen und den Konferenzraum frühzeitig zu öffnen. Mehr als drei Artikel lohnen sich allerdings nicht. Es wiederholt sich halt einiges. 

2.     Kämpfen sie sich durch die Technik.

Ein anderer Weg, die eigenen Überzeugungen sicher zu bewahren, ist eine ausgiebige und tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Technik. Insbesondere technische Laien werden sich ob der Vielzahl der Funktionalitäten und der phantastischen Kompliziertheit einschlägiger Systeme vor Begeisterung kaum halten können. Besonders zu empfehlen ist eine Kombination der verschiedenen Tools, wenn etwa das Video-System mit einem Whiteboard gekoppelt, ein Beleuchtungssystem mit externer Kamera einen gut ins Bild setzen und ein Profi-Mikrophon mit zugehörigem Audio-System und schallschluckender Peripherie quasi als Königsdisziplin gekoppelt werden.

In diesem Zusammenhang halte ich es für sehr hilfreich, einen hohen Anspruch an die eigene Qualität auch auf die Technik zu übertragen. Jeder und jede sollten mindesten

  • 4 Konferenzsysteme, wie Zoom, MS Teams, Webex, Adobe Connect, GoToMeeting, Blizz …
  • 3 Whiteboard-Systeme wie MIRO, Mural, MS Teams Whiteboard, ZoomWhiteboard …
  • unterschiedliche Kamerasysteme mit zugehörigen Scheinwerfer-Varianten,
  • verschiedene Audiosysteme mit professionellen Mikrophonen und schallschluckender Peripherie,

im Detail kennen und natürlich über die regelmäßigen Neuerungen auf dem Laufenden bleiben und zwar auf allen Ebenen. Ich glaube nichts ist besser geeignet, technisches Versagen sicherzustellen.

3.     Schreiben Sie sich für ein kostenloses Webinar ein.

Ein sicheres Verfahren, praktische Erkenntnisse zu vermeiden, ist die Teilnahme an kostenlosen Webinaren. Dabei sind besonders automatisierte Webinare zu empfehlen, die den Eindruck vermitteln, es handele sich um eine Live-Veranstaltung. Sie erkennen sie daran, dass sie zufällig in ca. 10-15 Minuten beginnen.

Sie können sicher sein, am Ende vor allem die weiterführenden vorzugsweise höherpreisigen Angebote des Webinar-Leiters kennengelernt haben. Anderes wird ihnen aus den weiter oben beschriebenen „5 Tipps für …“-Artikeln bekannt vorkommen. Aber das ist keinesfalls schädlich. Wissen wir als Lernexperten doch, dass vieles erst hängen bleibt, wenn es angemessen oft wiederholt wurde.

4.     Buchen Sie einen Kurs „Remote Facilitation“.

Wollen Sie im weiteren Verlauf Ihren eigenen Ärgerpegel beim Einstieg in die virtuelle Welt von Live-Trainings und -Workshops erhöhen, bieten sich kostenpflichtige Kurse an. Besonders geeignet sind Kurse, die Ihnen versprechen, Sie in drei bis sechs Stunden fit für eigene Trainings und Workshops zu machen. Sie sollten nicht weniger als 100 €, besser noch ca. 400 € kosten. Schließlich ist es wichtig, ein bisschen Geld nutzlos aus dem Fenster zu werfen.

Empfehlenswert sind auch Live-Kurse, die mittels ausgereifter Vortragstechnik über mehrere Tage verteilt in die Einstellvarianten einzelner Systeme, wie Zoom oder Mural, einführen. Dabei kommen dann auch eigene Praxisanteile nicht zu kurz, etwa wenn auf einem Whiteboard eine Aufgabe zu lösen ist. Wie war ich froh, dass ich bei dieser Gelegenheit endlich, endlich und nach langer Zeit wieder in die Umkehrmethode eingeführt wurde. War ich mir doch nie ganz sicher gewesen, ob ich sie in den letzten zwanzig Jahren methodisch korrekt eingesetzt hatte. Hat zwar jetzt nichts mit der virtuellen Welt zu tun, aber immerhin.

Wenn jemand konkrete Hinweise möchte, könnte ich den einen oder anderen Kurs empfehlen.

5.     Vermeiden Sie es unbedingt, eigene Konzeptideen praktisch auszuprobieren.

Schließlich möchte ich nachdrücklich und in aller Deutlichkeit auf eine große Gefahr für die eigene ablehnende Haltung gegenüber virtuellen Live-Workshops und –Trainings hinweisen. Vermeiden Sie es unbedingt, eigene praktische Experimente zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Tun Sie’s doch, laufen Sie Gefahr, die ablehnende Haltung gegenüber virtuellen Workshops und Trainings womöglich aufgeben zu müssen. Denn – und das ist die schlechte Nachricht – es geht eine ganze Menge. Ich musste beispielsweise erleben, dass eine Traumreise durch das „Haus der Veränderungen“ mit Kopfhörer auf den Ohren hervorragend funktioniert hat, dass trotz physischer Ferne sogar Prototyping in einer Ideation-Session geglückt ist. Und wenn das Experiment schief läuft, wie es mir in einer Sequenz agilen Arbeitens widerfahren ist, laufen Sie Gefahr auch noch Spaß am Scheitern zu entwickeln.

Das will ich Ihnen nicht zumuten. Das könnte dazu führen, dass Sie positive Erfahrungen mit diesem seltsamen Medium machen. Und das gilt es schließlich mit aller Macht zu verhindern. Aber da habe ich volles Vertrauen in die tiefgreifende Wirkung von Glaubenssätzen.

Sollten Sie sich allerdings wider erwarten, der Gefahr eigener Erfahrungen des heiteren Scheiterns aussetzen wollen, klicken sie einfach auf diesen Button.

Foto 1: Jo Szczepanska auf Unsplash, Fotos 2 und 3: Ryan McGuire auf Gratisography, Foto 4: geschaeftswarenladen

Über den Autor Dieter Bickenbach ist Mitgründer und Gesellschafter des geschaeftswarenladens und Initiator der Idee, den Berater überflüssig zu machen. Als gelernter Politologe und seit 1990 in beratenden Berufen tätig, ist er als Geschäftsführer des Geschäftswarenladens für den Überblick und das Ganze und für das Vorankommen zuständig.
Drei Tritte in den Hintern und die Überzeugung, was jetzt richtig ist

Drei Tritte in den Hintern und die Überzeugung, was jetzt richtig ist

„Wissen Sie, konzeptionell habe ich mir mehr von Ihnen versprochen. So wie Sie hier aufgetreten sind, habe ich jedoch die Vermutung, Sie wissen nicht, was Sie wollen. Deshalb tut es mir leid, aber ich muss Ihnen leider absagen.“

Ich hatte meinen schlechtesten Auftritt „ever“ in einem Vorstellungsgespräch hingelegt. Mein Gegenüber hatte recht. Ich war mir nicht sicher. Sollte ich wieder eine Festanstellung suchen und meine gerade gewonnene Freiheit der Freiberuflichkeit wieder aufgeben oder nicht?

Einige Tage später kam der nächste Fingerzeig. Aus einem Gespräch über Kooperationsmöglichkeiten war unvermittelt eine Coaching-Session geworden. Ich hatte offensichtlich so viel Unsicherheit ausgestrahlt, dass meine Gesprächspartnerin immer weiter bohrte, um herauszufinden, was ich eigentlich wollte. Nur auf weniges konnte ich antworten.

Schließlich eine klare Ansage. „Du musst Dir klar werden, was du willst, sonst kann ich nichts für Dich tun.“ Der Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens, der mir bis dahin vereinzelt Moderationsaufträge weitergereicht hatte, war angesichts meiner Unbestimmtheit zunächst ungehalten und dann deutlich geworden.

Binnen einer Woche hatte ich drei Tritte in den Allerwertesten bekommen. Auch wenn es schmerzte, ich habe sie gebraucht. Meine Unbestimmtheit war der Grund dafür, dass ich weder das eine, eine Festanstellung, noch das andere, Aufträge als Freiberufler, realisierte. Meine Angst vor der fehlenden Verlässlichkeit der freien Berufe einerseits und mein Unwillen vor seltsamen Chefs in der Festanstellung andererseits haben mich kirre gemacht.

Selbständigkeit? Eine schwierige Entscheidung

Heute weiß ich, dass es anderen in dieser Situation ähnlich geht. Die Frage des Aufbruchs in die Selbständigkeit ist eine der besonders schwierigen Entscheidungen im beruflichen oder geschäftlichen Leben. Die Enge des beruflichen Alltags zwängt uns ein. Gleichzeitig ist die Ungewissheit der Zukunft beängstigend.

Die Entscheidung ist umso schwieriger, weil sie nicht so einfach revidierbar scheint. Wenn ich meine Festanstellung aufgebe, kann ich in den seltensten Fällen einfach wieder zurück in den alten Job. In der Regel würde das auch nicht funktionieren. Ob ich alternativ einen adäquaten neuen Job fände, ist auch nicht gesagt. Wer nimmt in Deutschland schon einen, der als Selbständiger versagt hat? Die sind doch gar nicht in der Lage, sich wieder in eine „normalen“ Arbeitskontext einzuordnen.

Der Plan

Hört sich bekannt an? Dann wird es Sie vielleicht interessieren, wie ich aus dieser tendenziell deprimierenden Situation herausgekommen bin. Zunächst muss ich hinzufügen, dass es zum damaligen Zeitpunkt nicht nur beruflich nicht lief. Privat entschied sich die Frau, mit der ich die letzten 16 Jahre zusammengelebt habe, eigene Wege zu gehen. Es kam also alles zusammen. Umbruch und Neuanfang war angesagt.

Bei mir reichte die gebündelte Energie dreier Tritte in den Hintern. Ich kam nicht daran vorbei, dass ich da was zu klären hatte. Also habe ich alles genutzt, was ich zum damaligen Zeitpunkt in meinem Werkzeugkoffer hatte. Ich habe mich in eine erfolgreiche Zukunft versetzt und versucht eine berufliche und eine private Vision zu entwickeln. Daraus habe ich Ziele abgeleitet und einen umfangreichen Aktivitätenkatalog aufgesetzt. Dann habe ich mir regelmäßige Controlling-Termine in meinen Kalender geschrieben, die zum Teil heute noch aufpoppen.

Es war ein großartiger Plan, nur habe ich mich nicht daran gehalten. Das war aber nicht weiter schlimm. Etwas Anderes war wichtiger. All diese Aktivitäten haben dazu geführt, dass ich für mich eine Entscheidung treffen konnte. Ich bin zwar nicht mit großer Euphorie in die Selbständigkeit aufgebrochen. Es war eher, wie Sascha Lobo es einmal beschrieb: „Eigentlich braucht man, um Unternehmer zu werden, nur einen ganz kurzen Moment etwas weniger Angst als sonst. Und dann geht es von allein weiter und man kann nichts mehr dagegen tun.“

Nachdem ich die Überzeugung gewonnen hatte, was jetzt richtig war, kamen die Aufträge. Woran das lag? Ich weiß es nicht. Vermutlich habe ich deutlich mehr Entschlossenheit und Vertrauenswürdigkeit und deutlich weniger Unsicherheit und Unentschiedenheit ausgestrahlt. Vermutlich war ich auch fokussierter und habe Gelegenheiten erkannt und ergriffen, die ich vorher übersehen habe.

Mein Resumee

Inzwischen bin ich seit 17 Jahren selbständig. Es hat sich immer wieder herausgestellt, dass es vor allem darum geht, eigene Klarheit zu gewinnen. Dabei geht es nicht um richtige oder falsche Entscheidungen. Es geht darum, die Überzeugung zu gewinnen, was jetzt richtig ist. Und das sieht jedes Mal anders aus, abhängig vom jeweiligen Kontext. Heute würde ich mit der Situation anders umgehen – auch und vor allem deshalb, weil wir im geschaeftswarenladen ein Instrument genau für diese schwierigen und richtungsweisenden Entscheidungen entwickelt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kennen Sie das auch? Stehen oder standen Sie schon einmal vor einer solchen Situation? Was tun Sie, um diese Überzeugung zu entwickeln? Wenn Sie Lust haben, machen Sie unseren Entscheidungstypen-Test. Kommen Sie sich selbst auf die Spur und entdecken Sie, was Sie brauchen, um aus innerer Überzeugung entscheiden zu können.

Über den Autor Dieter Bickenbach ist Mitgründer und Gesellschafter des geschaeftswarenladens und Initiator der Idee, den Berater überflüssig zu machen. Als gelernter Politologe und seit 1990 in beratenden Berufen tätig, ist er als Geschäftsführer des Geschäftswarenladens für den Überblick und das Ganze und für das Vorankommen zuständig.
Warum Entscheidungshilfen nicht funktionieren

Warum Entscheidungshilfen nicht funktionieren

Irgendwann ist uns das allen schon mal passiert. Wir stehen vor einer wichtigen Entscheidung und wissen einfach nicht, was richtig ist. Wir zweifeln. Wir hadern. Wir fangen an, mit anderen darüber zu sprechen. Wir beginnen uns sachkundig zu machen. Vielleicht googeln wir sogar nach Entscheidungshilfen und probieren die Pro- und Contra-Liste oder das Ausschlussverfahren aus. Trotzdem will es einfach nicht besser werden. Wir wissen immer noch nicht, was richtig ist. Wir zweifeln und hadern weiter.

Wir im geschaeftswarenladen wollten wissen, wann das so ist und haben nachgefragt. Wir wollten wissen, welche geschäftlichen Entscheidungen schwierig sind, warum das so ist und wie die Entscheidungsfindung schließlich bewältigt wird. (mehr …)

Die 4 schwierigsten unternehmerischen Entscheidungen

Die 4 schwierigsten unternehmerischen Entscheidungen

Auch unter Unternehmern, Freiberuflern und Managern ist die Bereitschaft, sich freiwillig der Unsicherheit und dem Abenteuer auszusetzen, eher die Ausnahme.

Soll ich meinen Ausflug in die Kunstwelt beenden, ja oder nein? Sechs Jahre lang hatte ich mich mit mir vollkommen fremden Welten, dem schwarzen Kontinent und der Kunstwelt, auseinandergesetzt. Sechs Jahre lang war ich unglaublich klugen, spannenden und liebenswerten Menschen begegnet. Nur der wirtschaftliche Erfolg stellte sich einfach nicht ein. Erst der Tod eines lieben Menschen und – in meinen Augen – großartigen Philosophen und großer wirtschaftlicher Druck, ließ mich eine Entscheidung treffen. Ich gab meine Galerie für zeitgenössische afrikanische Malerei auf.
Inzwischen weiß ich, dass ich nicht der einzige bin, dem diese Art der Entscheidung schwerfällt. Etwas aufzugeben, gehört zu den schwierigsten geschäftlichen Entscheidungen, denen wir uns als Selbständige oder Unternehmer stellen müssen.

Qualitative Untersuchung über Entscheidungsverhalten

Vor ca. neun Monaten begannen wir eine qualitative Untersuchung über das Entscheidungsverhalten von Unternehmern, Freiberuflern und angestellten Managern. Wir wollten wissen, welche Entscheidungen ihnen schwerfallen, und welche Lösungsstrategien sie dann verfolgen.
Die Ergebnisse waren nicht wirklich erstaunlich, aber erkenntnisreich.
Wie kaum anders zu erwarten, hielten sich alle drei Gruppen für gute Entscheider. Auf einer Schulnotenskala war die Zwei die schlechteste Note bei der Selbsteinschätzung. Trotzdem gibt es ein paar sehr spezifische Entscheidungssituationen, die unseren Befragungsteilnehmern schwer fielen.

Die (scheinbare) Sicherheit des Bekannten aufgeben

Frodo Beutlin wollte sein geliebtes Auenland nicht verlassen. Es musste schon Großes in Bewegung geraten, um ihn zu veranlassen, als Ringträger eine wichtige Rolle in der Welt zu übernehmen. Er stolperte von einem Abenteuer ins nächste, bis er die ultimative Prüfung bestand und den Ring vernichtete. Erst danach konnte er als gereifter und gewachsener Held in die Heimat zurückkehren.
Nach diesem Muster, der sogenannten Heldenreise, werden viele Mythen gestrickt, nicht zuletzt der des risikobereiten Unternehmers. Das wirkliche Leben ist normalerweise viel profaner. Unternehmer sind im Normalfall glücklicherweise nicht so risikobereit, wie immer wieder beschrieben. Sie achten vielmehr darauf, dass sie sich das Risiko gerade leisten können. So erhalten sie sich die Chance, aus Fehlentscheidungen zu lernen.
Aber eines lässt sich übertragen. Auch den Teilnehmern unserer Befragung fiel es schwer, die (scheinbare) Sicherheit des Bekannten aufzugeben. Soll ich meinen Job hinschmeißen und den Schritt in die Selbstständigkeit wagen? Soll ich ein eingeführtes und bisher ausreichend erfolgreiches Angebot durch ein Neues ersetzen? Soll ich meinen Job wechseln? Diese Fragen haben einem Großteil unserer Befragungsteilnehmer schlaflose Nächte bereitet. Entgegen dem schon erwähnten Mythos ist die Bereitschaft, sich freiwillig der Unsicherheit und dem Abenteuer auszusetzen, eher die Ausnahme. Das bedarf der Anstrengung. Gängige Muster und Routinen sind nicht mehr gültig. Wir müssen nach neuen Lösungen für zum Teil unbekannte Probleme suchen. Wir müssen wieder lernen „langsam“ zu denken, um es in den Kategorien von Daniel Kahneman zu formulieren. Das ist für viele ein großer Schritt aus der Komfortzone. Es ist nicht nur anstrengend, ich muss mich auch noch meinen Ängsten stellen.

Lieb gewordene Vorhaben beenden

Können Sie sich vorstellen, dass der Berliner Flughafen nicht zu Ende gebaut wird? Egal, was es kostet, irgendwann wird er seinen Betrieb aufnehmen. Dessen bin ich mir sicher. Warum? Weil den beteiligten Akteuren die Größe fehlt, ihren Misserfolg und ihr Scheitern einzugestehen. Ein Teilnehmer unserer Befragung hat – auf viel kleinerem Niveau – ein ähnliches Phänomen beschrieben: „Ich habe vor einigen Jahren mein Unternehmen verkauft. Die schwierige Entscheidung war „Verkaufen oder Weitermachen“. „Verkaufen“ war auch ein Stück „Scheitern“.“
Einer großen Gruppe unserer Befragungsteilnehmer und auch mir persönlich ging es genauso. Dafür gibt es inzwischen einen wissenschaftlichen Begriff: die Verlustaversion, auch bekannt als „Sunk Cost“-Effekt. Daniel Kahneman und Amos Tversky bezeichnen damit „die Tendenz, Verluste höher zu gewichten als Gewinne.“ (Wikipedia, Verlustaversion) Der bekannte Spruch, „dem schlechten Geld gutes hinterher zu werfen“ beschreibt das gleiche Phänomen. Es ist schwierig, sich einzugestehen, dass all die Mühen umsonst gewesen sein sollen. Wir machen auch dann weiter, wenn es längst vernünftiger wäre, aufzuhören.

Personalentscheidungen – vor allem Entlassungen

„Siemens will Stellen abbauen – jede Menge. Für die Angestellten ein Schlag in die Magengrube. Allein in Görlitz sollen 720 Menschen ihre Arbeit verlieren.“ Mit diesen Worten beginnt ein Beitrag des Nachrichtenmagazins exakt vom MDR. Die drei Sätze machen das ganze Ausmaß der Schwierigkeiten von Personalentscheidungen, und hier insbesondere von Kündigungen, deutlich.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass auch in unserer Befragung das Thema Personalentscheidungen eine gewichtige Rolle spielt. Die drei Sätze verdeutlichen bereits, worum es geht. Anders als bei den ersten zwei Themen geraten unsere Befragungsteilnehmer bei diesem Problem häufig in Konflikt mit dem eigenen Wertesystem. Sie stellen sich ihrer Verantwortung für ihre Mitarbeiter und suchen lange nach anderen Lösungen. Für viele ist eine Kündigung selbst dann noch ein Problem, wenn die eigene Existenz gefährdet ist. Die Frage dahinter lautet: Habe ich das Recht dermaßen massiv in die Lebenswelt derer einzugreifen, für die ich Verantwortung übernommen habe?

Investitionsentscheidungen

Ein Fehler kann eine Führungskraft den Arbeitsplatz kosten. Deshalb gilt oft: Entscheidungen erst mal breit absichern. (FAZ)
„Der Verantwortungsbereich der Vorstände ist so gewachsen, dass die Topmanager teilweise wie gelähmt sind, aus Angst sich sonst rechtlich angreifbar zu machen“, sagt Michael Hendricks. (Handelsblatt)
Zwei Zitate, die auf den vierten Typ schwieriger Entscheidungen hinweisen. Es geht um Investitionen. Interessanterweise wird dieses Thema fast ausschließlich von angestellten Managern genannt. Ihr Dilemma wird im folgenden Satz aus einem Lehrbuch der Betriebswirtschaft deutlich: „Wer falsche Ziele verfolgt, löst falsche Probleme; wer falsche Maßnahmen ergreift, erreicht seine Ziele nicht.“ (Jürgen Wild, Grundlagen der Unternehmensplanung, 1982) Angestellte Manager werden daran gemessen, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. D.h., es gilt mit der Investition ein geplantes Ergebnis zu erreichen. Misserfolg ist in dieser Welt nicht etwa eine Lernchance sondern Versagen.

Fazit:

Auch wenn Unternehmer, Freiberufler und angestellte Manager in Entscheidungsfragen sehr von sich überzeugt sind, geraten sie immer wieder in Situationen, die schwierig sind. Das ist der Fall,

  • wenn Ziel-Konflikte zwischen unterschiedlichen individuellen Bedürfnissen einerseits oder zwischen individuellen Bedürfnissen und dem (wirtschaftlichen) Umfeld andererseits auftreten. Etwa, wenn der Wunsch nach Aufbruch und Abenteuer mit dem Wunsch nach Sicherheit streitet oder wenn dem Wunsch, großartigen Künstler zu unterstützen, fehlende Ressourcen in Form von Know-how und Finanzkraft gegenüberstehen.
  • wenn ich mich in Situationen wiederfinde, in denen meine bisherigen Vorstellungen von richtig und falsch nicht mehr passen. Etwa, wenn ich als ehemaliger Gewerkschafter vor der Frage stehen, Abmahnungen auszusprechen oder Mitarbeiter zu kündigen.
  • wenn Fehler nicht zulässig sind und ich durch jede größere Entscheidung die Position gefährde, die ich mir gegebenenfalls über Jahre aufgebaut habe.

Entscheidungen werden immer dann schwierig, wenn mein gewohnter Entscheidungsrahmen nicht anwendbar ist. All die bewussten und unbewussten Kriterien, die meinen Entscheidungen zu Grunde liegen, funktionieren nur im gewohnten Rahmen. In einem neuen, einem veränderten oder auch in einem sich verändernden Kontext muss ich meinen Entscheidungsrahmen, meine Kriterien anpassen. Etwa, wenn ein neuer Wettbewerber den Markt aufmischt oder wenn ich meine Aktivitäten auf ein neues Geschäftsfeld ausweite.

Wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Auch danach haben wir gefragt und interessante Strategien identifiziert. Mehr dazu gibt es im zweiten Teil dieses Artikels. Hier nur ein erster Hinweis: in der Regel gibt es keinen Zusammenhang zwischen Problem und Lösungsstrategie – mit einer Ausnahme. Vermutlich ahnen sie schon, welche das ist.

 

Über den Autor Dieter Bickenbach ist Mitgründer und Gesellschafter des geschaeftswarenladens und Initiator der Idee, den Berater überflüssig zu machen. Als gelernter Politologe und seit 1990 in beratenden Berufen tätig, ist er als Geschäftsführer des Geschäftswarenladens für den Überblick und das Ganze und für das Vorankommen zuständig.
MyCle in der Praxis – agile Strategieprozesse am 17.3.2017 ausprobieren

MyCle in der Praxis – agile Strategieprozesse am 17.3.2017 ausprobieren

Wenn unternehmerische Entscheidungen schwerfallen, dann liegt das normalerweise nicht daran, dass noch Informationen fehlen. Es ist in der Regel auch nicht allein das Risiko, zu scheitern. Meist verbergen sich hinter der anstehenden Entscheidung ungeklärte Fragen grundsätzlicherer Art – was und wohin ich mit meiner Unternehmung will, was ich für richtig halte, wie ich die Situation wahrnehme und wie das alles zusammenpasst.

Um Gewissheit zu erlangen, was jetzt die richtige Entscheidung ist, gilt es die Frage zu klären, die die Entwicklung stört, ähnlich wie Pflanzen für weiteres Wachstum genau der Nährstoff zugeführt werden muss, der fehlt.

Welche Frage das ist, finden Sie in der Arbeit mit MyCle heraus. Wie Sie sie beantworten auch. Es entsteht ein Entscheidungsrahmen, eine Art Kriterienkatalog, der bewusste rationale und unbewusste irrationale gemeinsam betrachtet und in ein Gleichgewicht bringt. Kopf und Bauch entscheiden gemeinsam das, was jetzt entscheid bar ist – was jetzt richtig ist und ausprobiert werden kann und soll.

Probieren Sie’s aus – im eintägigen MyCle Workshop der GABAL-Regionalgruppe Berlin-Brandenburg.

Termin: Donnerstag, 17. März 2017, 09:00-17:00 Uhr

Ort: stratum lounge, Boxhagener Str. 16, 10245 Berlin

Trainer: Dieter Bickenbach

Teilnahme: EUR 98,00

Bonus: Teilnehmer bekommen 30 % Rabatt beim Erwerb der MyCle-Toolbox (Normalpreis EUR 199,00)

Nähere Informationen und Anmeldung bei der GABAL-Regionalgruppe Berlin-Brandenburg