Das Unerwartete geschieht – sicher!

Das Unerwartete geschieht – sicher!

Ereigniskarte_WettbewerberKopiert

Die Überraschung steht mir ins Gesicht geschrieben. Dabei hatten wir so viel Wert auf Geheimhaltung gelegt. Trotzdem steht sie vor mir. Die Maschine ist eine perfekte Kopie der unseren – bis zur Materialnummer des Gussteils. Und was das Furchtbarste ist: sie haben die Schwachstelle beseitigt und die Lösung patentiert.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären der Geschäftsführer eines mittelständischen Maschinenbauers. Ihr wichtigster Markt ist China, weshalb Sie sich selbstverständlich auf der asiatischen Leitmesse zeigen. Und dann das: ein chinesischer Wettbewerber hat ihr erfolgreichstes Stück Technik kopiert und sogar eine bekannte Schwachstelle ausgemerzt. Zusätzlich präsentiert die Firma die Maschine zu einem konkurrenzlos günstigen Preis. Erste Konsequenzen spüren Sie unmittelbar. Das Interesse an Ihrer Maschine nimmt bereits auf der Messe ab. Erhebliche Umsatzeinbußen sind absehbar.Das Unerwartete

Das ist nicht unbedingt die disruptive Innovation, kann aber so ähnlich in jeder anderen Branche auch geschehen:

  • die neue App des Wettbewerbers mit verbesserten Features und vereinfachter Benutzerführung,
  • das kreative Beratungskonzept, dem die finanzstarke Agentur ein neues Label aufklebt und unter eigenem Namen vermarktet usw. usf.

Oft sind es noch nicht einmal unbedingt Kopien. Manche Entwicklungen liegen einfach in der Luft und werden gerade an mehreren Stellen parallel voran getrieben.

Was würde passieren? Wären Sie in der Lage, eine solche Bedrohung zu meistern? Was würden Sie tun?

PrüfeRobustheitWir möchten Sie ermutigen, die Robustheit Ihres Unternehmens bzw. Ihrer (strategischen) Vorhaben mit Hilfe solch unerwarteter Ereignisse zu überprüfen. Sind Sie in der Lage gegenzusteuern? Nehmen Sie das Risiko in Kauf, weil es extrem unwahrscheinlich ist? Wie auch immer Ihre Reaktion ist, es lohnt, einen Gedanken darauf zu verschwenden.

Deshalb haben wir bei MyCle Ereigniskarten eingeführt. Sie sind eine ganz einfache Methode, das Unbekannte, das trotzdem geschehen kann, ins Bewusstsein zu holen. Es ist eine einfache Methode, sich der eigenen Handlungsfähigkeit und Ihrer Grenzen zu versichern.

In unserem Beispiel sind der Optionen einige. Wenn die eigene Entwicklungs-Pipeline gut gefüllt ist, kann mit weiteren Neuerungen gekontert werden. Vordergründig nicht so offensichtlich ist eine andere Option: das Aussitzen. Unser Mittelständler könnte darauf setzen, dass Montage und Service den Unterschied macht. Eine dritte Option könnte auf Marktwachstum setzen. Ich habe diese Situation in den Anfängen der Sharing Economy erlebt. Zwei Wettbewerber, die in einem lokalen Markt zunächst hart aufeinander losgehen wollten, profitierten schließlich beide von der Aufmerksamkeit, die sie nur gemeinsam erzeugen konnten. Natürlich sind auch Preissenkungen, Downsizing und viele weitere Reaktionen vorstellbar.

Stellt sich die Frage: Welche Option ist die Richtige? Die Antwort ist immer dieselbe: es hängt vom Kontext DasUnbekannteab. Anders gesagt: im Moment ist die Frage noch nicht relevant. Das Risiko ist noch nicht eingetreten. Im Moment ist wichtig, dass ich über Optionen nachgedacht habe, dass ich welche entdeckt habe und dass ich weiß, wie ich bei unerwarteten Ereignissen reagieren kann.

Welchen unerwarteten Ereignissen sind Sie begegnet? Wie sind Sie damit umgegangen? Schreiben Sie einen Kommentar.

Übrigens: das Beispiel ist im wirklichen Leben so ähnlich geschehen – wie so viele andere Ereignisse, die eigentlich gar nicht hätten auftreten dürfen.

 

Über den Autor

Dieter Bickenbach ist Mitgründer und Gesellschafter des geschaeftswarenladens und Initiator der Idee, den Berater überflüssig zu machen.

Als gelernter Politologe und seit 1990 in beratenden Berufen tätig, ist er gemeinsam mit Steffen Moldenhauer als Geschäftsführer des Geschäftswarenladens für den Überblick und das Ganze und für das Vorankommen zuständig.
Warum Strategiearbeit Unschärfe braucht

Warum Strategiearbeit Unschärfe braucht

Gipfel

 

Sie hatten vor zwei Jahren einen Leitsatz formuliert, der ihnen Identität geben sollte. Nach zwei Tagen heftiger und kontroverser Diskussion haben sie sich als das „Premium unserer Marke“ definiert. Nun wollten sie überprüfen, wie weit sie gekommen sind. Hatten sie erreicht, was sie sich vorgenommen haben? Hat der Leitsatz Orientierung gegeben und weitergeholfen? Die Selbsteinschätzung war eher kritisch. Es schien wieder die übliche Umsetzungslücke entstanden zu sein. Die konkrete Abfrage brachte aber ein völlig anderes Ergebnis. Ca. 80% der Vorhaben waren realisiert worden – und zusätzlich noch einiges mehr. Was war geschehen? Wie konnte die Selbstwahrnehmung so sehr danebenliegen?

Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Das Tochterunternehmen eines Mehrmarkenkonzerns war vor ca. drei Jahren gegründet worden. Sie sollten ein neues Produkt in den Markt bringen, das für die eigene Marke eher ungewöhnlich war. Es war von Anfang an quasi als die „S-Klasse“ der Produktpalette angelegt worden. Das war sehr ungewöhnlich, da für Premium andere Marken des Hauses zuständig waren. Und mit der eigenen Marke wird eher solide „Hausmannskost“ denn ein Premium-Produkt verbunden.

Nachdem das erste Jahr von Pionierarbeit eines aus mehreren Konzernbereichen zusammengewürfelten „Haufens“ geprägt war, ging es im zweiten Jahr um Konsolidierung und die Entwicklung einer eigenen Identität. Sie sollte Rahmen und Handlungshilfe für die konkrete Arbeit vor Ort werden. Denn es galt eine schwierige Aufgabe zu erledigen, die üblichen Ansätzen zuwider lief.

1_WarumDie Führungsmannschaft schloss sich zwei Tage mit einem Moderator ein und arbeitete an einem gemeinsamen Verständnis der eigenen Identität – zwei Tage mit viel Kreativität und Spaß auf der einen und heftigen und kontroversen Diskussionen auf der anderen Seite. Begriffe wurden geklärt, Rahmenbedingungen ausgeleuchtet und unterschiedliche Perspektiven auf Gemeinsamkeiten, Prioritäten und mögliche Kompromisse geprüft. Schließlich wurde alles in einem Satz kondensiert: „Wir sind das Premium unserer Marke.“ (Die reale Fassung klingt deutlich weniger seltsam.) Für den einen bedeutete das: „Wir etablieren Premium in unserer Marke.“, für die andere: „Wir schaffen für Kunden ein Premium-Erlebnis.“ Nach den sehr intensiven Diskussionen hatte das jeder verstanden, für das eigene Fachgebiet genauso wie für die der anderen.

Dann kam der Alltagstest. Am darauffolgenden Montag begann der übliche Trott. Irgendwie war nie genug Zeit. All die guten Ideen schienen unterzugehen. Das übliche Defizit in der Umsetzung eben.

Und doch geschah eine Menge, wie sich zwei Jahre später herausstellte. Alle liefen in die gleiche Richtung. Alle waren in der Lage, Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen oder Hindernisse zu überwinden. Das gelang auch, wenn sich Rahmenbedingungen veränderten oder Umwege erforderlich wurden. Denn Sinn und Perspektive waren klar beschrieben, nachvollziehbar und boten Orientierung für die tägliche Arbeit. Das geschah so selbstverständlich, dass die handelnden Personen sich dessen oft gar nicht mehr bewusst waren – daher die grobe Selbstunterschätzung.2_Was-ist-anders

Bis hierher ist alles noch im normalen Rahmen. Ich befinde mich vollkommen im Mainstream des vorherrschenden Strategiedenkens. Das Ziel ist klar. Jetzt geht es nur noch darum, es zu realisieren. Nicht von ungefähr kommen an dieser Stelle in der einschlägigen Literatur Abenteurer- und Bergsteiger-Metaphern zum Einsatz. Wenn man sich durch den „Strategie-Dschungel“ gekämpft hat, also die Strategie erst erarbeitet hat, muss man sich nochmal ins „Kloster des Durchdenkens“ zurückziehen, um die Strategie herunter zu brechen. Aber dann geht es ins Basislager, um schließlich den Gipfel zu erstürmen (Dieses Beispiel findet sich bei: Michael Kolbusa, Der Strategie-Scout, Gabler-Verlag, Wiesbaden 2012.). Sehr gerne wird an dieser Stelle auch Laotse zitiert: „Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.“ Die Idee dahinter: Ziele lassen uns unser Tun fokussieren – im geschäftlichen Leben in der Regel ein riesiger Vorteil.

Trotzdem ist es Unsinn. Columbus hatte ein klares Ziel vor Augen, als er Spanien verließ. Wie wir heute wissen, erreichte er dieses Ziel nicht wirklich. Trotzdem legte seine Entdeckung die Grundlage für großen Reichtum Spaniens. War das jetzt ein Misserfolg?

Im Fall unserer Konzerntochter ist ähnliches geschehen. Das Leben hat zugeschlagen. Unterwegs haben sich grundlegende Rahmenbedingungen verändert. Plötzlich hat eine Lawine das Basislager zerstört – um im Bild zu bleiben. Ein Erdbeben hat neue Gletscherspalten geöffnet, die mit den vorhandenen Mitteln nicht mehr zu überwinden waren. Und trotzdem sind sich alle einig, gut voran gekommen zu sein. Warum? Weil die Unschärfe des Leitsatzes Flexibilität enthielt und alternative Optionen eröffnete.

3_UnschaerfeWenn es mir darum geht, genau den einen Gipfel zu erklimmen, weil ich ihn unter großen Mühen im Strategie-Dschungel definiert habe, muss ich erst das Basislager wieder aufbauen. Ich brauche neues und besseres Equipment, um die Gletscherspalten zu überwinden. Gehen mir zwischendurch die Ressourcen aus, Pech gehabt. Will ich aber die Schönheit der Aussicht genießen und die Genugtuung über das Erreichte erleben, darf es auch ein anderer Gipfel werden. Ich bleibe flexibel, kann schnell umsteuern und trotzdem erreichen, worum es eigentlich geht.

Strategiearbeit muss über den Sinn eigenen Tuns nachdenken und eine Vision entwickeln. Sie muss die Frage beantworten, warum ich auf einen Berg will. Sie muss ein Bild generieren, was auf dem Berg anders ist als vorher. Aber muss es unbedingt der ganz spezielle Berg sein? Ich meine, in einer Welt, die sich immer schneller dreht, die immer unstetiger wird, tue ich gut daran, eine gewisse Unschärfe zuzulassen und erst unterwegs festzulegen, welcher der richtige Gipfel ist.

 

Über den Autor

Dieter Bickenbach ist Mitgründer und Gesellschafter des geschaeftswarenladens und Initiator der Idee, den Berater überflüssig zu machen.

Als gelernter Politologe und seit 1990 in beratenden Berufen tätig, ist er gemeinsam mit Steffen Moldenhauer als Geschäftsführer des Geschäftswarenladens für den Überblick und das Ganze und für das Vorankommen zuständig.