von Dieter Bickenbach | 17. August 2016 | Blog

Der Job als interner Organisationsentwickler war die letzten 5 Jahre wirklich spannend. Nie zuvor habe ich in so kurzer Zeit so viel gelernt. Ich hatte plötzlich Personalverantwortung. Ich musste lernen, aktiv an massiven Veränderungsprozessen mitzuwirken bzw. sie zum Teil sogar zu treiben – und zwar so, dass sich alle Beteiligten am nächsten Tag noch in die Augen schauen konnten. Aber nach fünf Jahren war auch noch etwas anderes deutlich geworden: Es waren immer wieder dieselben Hürden, die auf dem Weg lauerten und die sich nicht überwinden ließen. Insofern stand irgendwann die Frage im Raum, wie es weiter ging. Sollte ich bleiben, wo ich war? Sollte ich mir eine neue Herausforderung in einem anderen Unternehmen suchen? Oder sollte ich den Schritt in die Freiberuflichkeit wagen?
Ich stelle mir gerade vor, ich müsste diese Frage heute noch einmal beantworten. Was würde ich tun? Wie könnte ich die Frage beantworten? Mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen von heute, wüsste ich das: Klären, was mir besonders wichtig ist und was ich will. Heute weiß ich auch, wie das geht. Mit MyCle habe ich sogar an der Entwicklung einer Methode mitgewirkt, die genau auf diese Art der Fragestellung Antworten produziert. Damals war es ein längerer Suchprozess mit allem, was dazu gehört: Existenzangst, Unsicherheit und glücklicherweise ein paar hilfreichen Tritten in den Hintern.
Eine Unmenge Beratungsangebote
Im Kern wäre die Situation heute vermutlich ähnlich, obwohl sich die Zeiten geändert haben, obwohl es eine Unmenge Beratungsangebote in allen Qualitäten und Preislagen gibt. Das fängt bei Existenzgründungs-Broschüren der Arbeitsagentur an, geht über eine Unmenge Literatur und „How-To“-Onlinekursen bis hin zu gezielten Startup-Angeboten an den Universitäten und den Acceleratoren großer Unternehmen. Nicht zuletzt ist das Angebot an mehr oder minder qualifizierter Gründungsberatung inzwischen kaum noch zu überschauen.
Wenn ich auf die Fragen schaue, die ich klären muss, helfen die meisten dieser Angebote jedoch nicht weiter. Welche Fragen sind das?
- Was setzt mich in Bewegung? Was treibt mich an?
- Was will ich erreichen?
- Warum ist mir gerade das wichtig?
Erst wenn das geklärt ist, wird die Frage nach dem Wie interessant.
- Wie kann ich das realisieren?
- Was brauche ich dafür und was habe ich schon?
Und weil ich irgendwo einmal gelesen habe, dass es in den Artikeln mit diesen „5 Fragen …“-Überschriften immer eine Zugabe geben soll, habe ich noch eine sechste Frage:
- Womit fange ich an? Was tue ich als erstes?
1. Was setzt mich in Bewegung? Was treibt mich an?
Diese Frage ist gleichzeitig sehr einfach und sehr schwierig. Bei der einfachen Seite geht es um Sinn. Sinn motiviert – manchmal bis zur Selbstaufopferung. In der Regel kann ich schnell formulieren, was ich für sinnvoll halte. Die Welt retten. Viel Geld verdienen. Das Wissen vergrößern. Meine Gruppe oder Organisation voranbringen. Der Möglichkeiten gibt es viele.
Etwas schwieriger ist es, den eigenen Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen. Die wirklich Wichtigen sind uns nämlich häufig nicht bewusst. Das sind solche Gemeinheiten wie: „nach Aufmerksamkeit lechzen“ oder „es allen Recht machen wollen“. Einfacher ist es zumeist, wenn es um das Bedürfnis nach Sicherheit, Freiheit oder nach Gemeinschaft geht.
Will ich entscheiden, ob Selbständigkeit die richtige Option für mich ist, hilft die Suche nach dem Sinn einerseits und nach den Bedürfnissen, die ich mit der Selbständigkeit bediene oder denen ich damit entgegenwirke. Tue ich das nicht, droht Aufschieberitis und permanente innere Unruhe. Denn insbesondere die unbewussten eigenen Bedürfnisse haben die unangenehme Eigenschaft im gefühlsmäßigen Untergrund zu rumoren.
2. Was will ich erreichen?
Es ist eigentlich egal, ob wir das jetzt Vision, Ziel oder Perspektive nennen. Wichtig ist, dass wir uns darüber im Klaren sind, was wir verändern wollen und wie das dann ungefähr aussehen soll. Ich beispielsweise sehe eine Unmenge von Leuten, die ihr Leben in die eigene Hand nehmen und tun, was Ihnen gerecht wird. Dabei helfen ihnen die Werkzeuge des geschaeftswarenladens. Wir nennen das Selbstermächtigung.
Darauf kann ich hinarbeiten, Schritt für Schritt und Entscheidung für Entscheidung – egal, welche Schwierigkeiten sich gerade auftun. Das kann ich auch mit anderen Mitteln weiterverfolgen, sollte sich unterwegs herausstellen, dass unsere Produkte, unsere Werkzeuge nicht so angenommen werden, wie erwartet. Schließlich kann es sein, dass Selbstermächtigung doch nicht funktioniert – glaube ich zwar nicht, ist aber möglich. Dann müsste ich eine neue Vision formulieren, die meinen Werten gerecht würde.
3. Warum ist mir gerade das wichtig?
Damit sind wir schon bei der dritten Frage. Denn es sind die erkennbar gelebten Werte, nach denen ich Vision und Sinn auswähle. Und hier ist nicht die Rede von abstrakt oder generisch formulierten Wertekatalogen sondern von den Werten und Normen, die ich – im wahrsten Sinne des Wortes – mit der Muttermilch eingesogen habe oder denen ich mich in sozialen Gruppen unterwerfe. Wenn ich den Papst für Gottes Vertreter auf Erden halte, dann formuliere ich einen anderen Sinn und eine andere Vision, als wenn ich dem schnöden Mammon folge. Interessant wird es, wenn sich die Welten überschneiden, wie bei den verschiedenen katholischen Bankhäusern. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ähnlich, wie bei den Bedürfnissen, ist es alles andere als trivial, die Werte zu formulieren, die wir verinnerlicht haben. Dafür gibt es eine Menge psychologischer Gründe, die zu erläutern hier zu weit führen würde. Stellt sich die Frage, wie ich mir selber auf die Spur kommen kann.
Bei MyCle haben wir einen sehr einfachen Weg gefunden, der übrigens auch für die Suche nach den eigenen Bedürfnisse angewandt wird. Ich erzähle meine Geschichte in Form eines Briefes. Anschließend suche ich in diesem Brief nach den in der Geschichte erkennbar gelebten Werten. Das ist natürlich nur eine erste Näherung. Aber im Laufe der Zeit und mit jedem neuen MyCle Zyklus lerne ich immer ein bisschen mehr über mich und meine Werte.
4. Wie kann ich das realisieren?
Jetzt habe ich die Basis gebaut, auf der ich aufsetzen kann. Jetzt kommen die „How-To“-Leitfäden oder auch andere Methoden, wie der Business Model Canvas, Lean Startup oder ähnliches ins Spiel. Jetzt gilt es herauszufinden, wie die Mechanismen von Selbständigkeit funktionieren, welchen ich gerecht werden kann und welchen nicht. Jetzt geht es darum, ob und, wenn ja, wie ich fehlende Fähigkeiten und Eigenschaften kompensieren kann. Ein Beispiel: Wie komme ich als tendenziell eher introvertierter Mensch an Neukunden, wenn ich mich für netzwerken oder Kaltakquise nur begrenzt begeistern kann.
5. Was brauche ich dafür und was habe ich schon?
Womit wir schon bei der fünften Frage wären. Ich brauchte vor allem jemanden mit Zugang zu Kunden. Einmal vor Kunde hat sich dann immer alles von alleine geregelt. Was ich nicht brauchte, war ein USP. Mein Geschäft basierte lange Zeit auf dem direkten persönlichen Kontakt. Da besteht der USP aus der Persönlichkeit, der passenden Chemie mit dem Kunden und den nachgewiesenen Fähigkeiten.
In anderen Fällen sieht das anders aus. Jemand, die eine Arzt-Praxis übernehmen will, braucht vermutlich zunächst einmal Geld. Hab ich’s nicht, muss ich es besorgen.
6. Womit fange ich an? Was tue ich als erstes?
Bleibt schließlich die Frage: Womit beginnen? Jetzt sind wir wieder über das Stadium der Leitfäden, der Lehrbücher und der Online-Kurse hinaus. Jetzt muss ich wieder entscheiden. Da stehe ich ganz allein. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass diese Entscheidung jetzt einfach ist.
Warum ist das so? Die Entscheidungsforschung hilft uns weiter. Die Beantwortung der fünf Fragen hat zwei wichtige Aspekte miteinander verbunden: das Bauchgefühl, das sich auch als unbewusstes Wissen begreifen lässt, und die rationale Auseinandersetzung mit dem Thema. Dabei ist eine Art Kriterienrahmen entstanden, der bei allen weiteren Entscheidungen hilft.
Das Schwierigste jetzt ist, sich zu beschränken. Gerade am Anfang möchte ich am liebsten alles auf einmal machen. Geht aber nicht. Also: Schritt für Schritt geht’s weiter!
Bleibt festzuhalten: Für diese Art von Fragen helfen mir nur wenige Beratungsangebote wirklich weiter. Außer MyCle kann ich mir nur einen guten Coach als Unterstützung vorstellen. Eine, die die richtigen Fragen stellt, die mir hilft, mir selber auf die Schliche zu kommen und die mich anleitet, das Problem in rationaler Weise aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Also eine, die genau das tut, was ich mir mit MyCle selber erarbeite.
Wie würden Sie sich diesen sechs Fragen nähern?
PS: Sollte es jemanden irritieren. In der weiblichen Form einiger Bezeichnungen ist die männliche natürlich enthalten.
Über den Autor
Dieter Bickenbach ist Mitgründer und Gesellschafter des geschaeftswarenladens und Initiator der Idee, den Berater überflüssig zu machen.
Als gelernter Politologe und seit 1990 in beratenden Berufen tätig, ist er gemeinsam mit Steffen Moldenhauer als Geschäftsführer des Geschäftswarenladens für den Überblick und das Ganze und für das Vorankommen zuständig.
von Dieter Bickenbach | 07. April 2016 | Blog

Sie hatten vor zwei Jahren einen Leitsatz formuliert, der ihnen Identität geben sollte. Nach zwei Tagen heftiger und kontroverser Diskussion haben sie sich als das „Premium unserer Marke“ definiert. Nun wollten sie überprüfen, wie weit sie gekommen sind. Hatten sie erreicht, was sie sich vorgenommen haben? Hat der Leitsatz Orientierung gegeben und weitergeholfen? Die Selbsteinschätzung war eher kritisch. Es schien wieder die übliche Umsetzungslücke entstanden zu sein. Die konkrete Abfrage brachte aber ein völlig anderes Ergebnis. Ca. 80% der Vorhaben waren realisiert worden – und zusätzlich noch einiges mehr. Was war geschehen? Wie konnte die Selbstwahrnehmung so sehr danebenliegen?
Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Das Tochterunternehmen eines Mehrmarkenkonzerns war vor ca. drei Jahren gegründet worden. Sie sollten ein neues Produkt in den Markt bringen, das für die eigene Marke eher ungewöhnlich war. Es war von Anfang an quasi als die „S-Klasse“ der Produktpalette angelegt worden. Das war sehr ungewöhnlich, da für Premium andere Marken des Hauses zuständig waren. Und mit der eigenen Marke wird eher solide „Hausmannskost“ denn ein Premium-Produkt verbunden.
Nachdem das erste Jahr von Pionierarbeit eines aus mehreren Konzernbereichen zusammengewürfelten „Haufens“ geprägt war, ging es im zweiten Jahr um Konsolidierung und die Entwicklung einer eigenen Identität. Sie sollte Rahmen und Handlungshilfe für die konkrete Arbeit vor Ort werden. Denn es galt eine schwierige Aufgabe zu erledigen, die üblichen Ansätzen zuwider lief.
Die Führungsmannschaft schloss sich zwei Tage mit einem Moderator ein und arbeitete an einem gemeinsamen Verständnis der eigenen Identität – zwei Tage mit viel Kreativität und Spaß auf der einen und heftigen und kontroversen Diskussionen auf der anderen Seite. Begriffe wurden geklärt, Rahmenbedingungen ausgeleuchtet und unterschiedliche Perspektiven auf Gemeinsamkeiten, Prioritäten und mögliche Kompromisse geprüft. Schließlich wurde alles in einem Satz kondensiert: „Wir sind das Premium unserer Marke.“ (Die reale Fassung klingt deutlich weniger seltsam.) Für den einen bedeutete das: „Wir etablieren Premium in unserer Marke.“, für die andere: „Wir schaffen für Kunden ein Premium-Erlebnis.“ Nach den sehr intensiven Diskussionen hatte das jeder verstanden, für das eigene Fachgebiet genauso wie für die der anderen.
Dann kam der Alltagstest. Am darauffolgenden Montag begann der übliche Trott. Irgendwie war nie genug Zeit. All die guten Ideen schienen unterzugehen. Das übliche Defizit in der Umsetzung eben.
Und doch geschah eine Menge, wie sich zwei Jahre später herausstellte. Alle liefen in die gleiche Richtung. Alle waren in der Lage, Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen oder Hindernisse zu überwinden. Das gelang auch, wenn sich Rahmenbedingungen veränderten oder Umwege erforderlich wurden. Denn Sinn und Perspektive waren klar beschrieben, nachvollziehbar und boten Orientierung für die tägliche Arbeit. Das geschah so selbstverständlich, dass die handelnden Personen sich dessen oft gar nicht mehr bewusst waren – daher die grobe Selbstunterschätzung.
Bis hierher ist alles noch im normalen Rahmen. Ich befinde mich vollkommen im Mainstream des vorherrschenden Strategiedenkens. Das Ziel ist klar. Jetzt geht es nur noch darum, es zu realisieren. Nicht von ungefähr kommen an dieser Stelle in der einschlägigen Literatur Abenteurer- und Bergsteiger-Metaphern zum Einsatz. Wenn man sich durch den „Strategie-Dschungel“ gekämpft hat, also die Strategie erst erarbeitet hat, muss man sich nochmal ins „Kloster des Durchdenkens“ zurückziehen, um die Strategie herunter zu brechen. Aber dann geht es ins Basislager, um schließlich den Gipfel zu erstürmen (Dieses Beispiel findet sich bei: Michael Kolbusa, Der Strategie-Scout, Gabler-Verlag, Wiesbaden 2012.). Sehr gerne wird an dieser Stelle auch Laotse zitiert: „Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.“ Die Idee dahinter: Ziele lassen uns unser Tun fokussieren – im geschäftlichen Leben in der Regel ein riesiger Vorteil.
Trotzdem ist es Unsinn. Columbus hatte ein klares Ziel vor Augen, als er Spanien verließ. Wie wir heute wissen, erreichte er dieses Ziel nicht wirklich. Trotzdem legte seine Entdeckung die Grundlage für großen Reichtum Spaniens. War das jetzt ein Misserfolg?
Im Fall unserer Konzerntochter ist ähnliches geschehen. Das Leben hat zugeschlagen. Unterwegs haben sich grundlegende Rahmenbedingungen verändert. Plötzlich hat eine Lawine das Basislager zerstört – um im Bild zu bleiben. Ein Erdbeben hat neue Gletscherspalten geöffnet, die mit den vorhandenen Mitteln nicht mehr zu überwinden waren. Und trotzdem sind sich alle einig, gut voran gekommen zu sein. Warum? Weil die Unschärfe des Leitsatzes Flexibilität enthielt und alternative Optionen eröffnete.
Wenn es mir darum geht, genau den einen Gipfel zu erklimmen, weil ich ihn unter großen Mühen im Strategie-Dschungel definiert habe, muss ich erst das Basislager wieder aufbauen. Ich brauche neues und besseres Equipment, um die Gletscherspalten zu überwinden. Gehen mir zwischendurch die Ressourcen aus, Pech gehabt. Will ich aber die Schönheit der Aussicht genießen und die Genugtuung über das Erreichte erleben, darf es auch ein anderer Gipfel werden. Ich bleibe flexibel, kann schnell umsteuern und trotzdem erreichen, worum es eigentlich geht.
Strategiearbeit muss über den Sinn eigenen Tuns nachdenken und eine Vision entwickeln. Sie muss die Frage beantworten, warum ich auf einen Berg will. Sie muss ein Bild generieren, was auf dem Berg anders ist als vorher. Aber muss es unbedingt der ganz spezielle Berg sein? Ich meine, in einer Welt, die sich immer schneller dreht, die immer unstetiger wird, tue ich gut daran, eine gewisse Unschärfe zuzulassen und erst unterwegs festzulegen, welcher der richtige Gipfel ist.
Über den Autor
Dieter Bickenbach ist Mitgründer und Gesellschafter des geschaeftswarenladens und Initiator der Idee, den Berater überflüssig zu machen.
Als gelernter Politologe und seit 1990 in beratenden Berufen tätig, ist er gemeinsam mit Steffen Moldenhauer als Geschäftsführer des Geschäftswarenladens für den Überblick und das Ganze und für das Vorankommen zuständig.